1500
1789
Frühe "Neuzeit"
"Neuzeit" - Nur ein Wort...und viele Probleme!

"Neuzeit" ist, genau wie "Antike" und "Mittelalter" ein Kunstbegriff und nach dem heutigen Verständnis von Geschichte nicht mehr sinnvoll. Grundlegende Entwicklungen ziehen sich über diese Grenzen hinweg viel länger hin und überschneiden sich mit früher oder später verorteten.

Die Problematik einer starren Unterteilung wurde schon früh erkannt. Doch statt dieses Denken zu beenden, hat man es durch weitere Unterteilungen noch kompliziert. Nach der "Frühen Neuzeit", die 1500 begonnen haben soll und 1789 endete, kam die "Neuzeit" oder auch "Neuere Geschichte" (bis 1918). Der ließ man die "Neueste Geschichte" folgen, dann die "Zeitgeschichte", "Jüngste Geschichte" die bis...hmm, nun wird wird es kompliziert. In welcher Epoche leben wir dann? Und wie geht es weiter? Denn so langsam gehen uns die Begriffe aus...

Wo anfangen, wo aufhören?

Wie beim "Mittelalter" sind Anfang und Enddatum der "Neuzeit" anhand einiger weniger, monokausaler und teils nur regional "bedeutender Ereignisse" bestimmt.

Als Anfangsdatum wird (immer noch) in der Schule die Entdeckung Amerikas, die Erfindung des Buchdrucks (1450 - also im "Mittelalter"!), Reformation (...aber was ist dann mit den katholischen Ländern?), Humanismus und die "Renaissance" gelehrt. Also ein Zeitraum zwischen 1400 und 1550.

Der "Renaissance-Mensch" - so wie ihn 1860 der Historiker Jacob Burckhardt sich vorstellte - der die Zeit des "Mittelalters" hinter sich ließ und die "Welt neu erfand", ist eine Legende. Es gab ihn nur in der Kunst. Trotzdem bestimmt die Burchhardtsche Vorstellung das Geschichtsbild vom "finsteren Mittelalter" und der Neuzeit als Epoche des Aufbruchs bis heute.

Wie problematisch so eine Festlegung ist, zeigt der Begriff der "Renaissance". In Italien beginnend Mitte des 13. Jahrhunderts (mitten im "finsteren Mittelalter"), endet sie dort 1525, beginnt aber gleichzeitig in Frankreich. Die deutsche Renaissance Anfang des 17. Jahrhunderts hingegen ist zeitgleich mit dem Barock in Süd- und Westeuropa.

Subjektive Wahrnehmung...

Die "frühe Neuzeit" wird als Zeitalter der großen Entdeckungen, des Humanismus, der Renaissance und der Entstehung eines neuen Welt- und Menschenbild in Europa gesehen. Diese Sicht geht auf die Humanisten des 16. Jahrhunderts zurück, die ein - aus heutiger Sicht - zu optimistisches Bild von ihrer Zeit hatten, die sich in "Aufbruchsstimmung" befanden und sich gerne von vermeintlich "dunklen Zeiten" davor absetzen wollten. Doch ihre Vorstellung vom Mittelalter beruhten auf Unkenntnis, Ignoranz und Fehlinterpretationen - z.B. was das Wissen die Kugelgestalt der Erde im Mittelalter anging.

Dreißigjähriger Krieg - Kriegsgreuel (Stich von Jacques Callot)

Aus der zeitlichen Distanz erscheint es uns heute befremdlich, dass diese Selbsteinschätzung von Menschen kam, in deren Zeit die Aktivitäten der römischen Inquisition, die Hexenverfolgung und Bauern- und Glaubenskriege fielen und die Alchemie zu allerlei aberwitzigen Experimenten führte.

Sieht man aber die Neuzeit als konsequente Fortsetzung des Mittelalters, wird schnell deutlich, dass alle positiven Entwicklungen der Neuzeit (Entdeckungsreisen, heliozentrisches Weltbild, Verwissenschaftlichung der Kultur, Emanzipation des Bürgertums, frühkapitalistische Wirtschaftspraktiken und Handelstechniken, industrielle Revolution usw.) nicht aus dem Nichts entstanden sondern ihre Vorläufer- und Denker weit im Mittelalter hatten.

Folgt man diesem überholten Modell - und das tun wir, weil es zurzeit noch so in den Schulen gelehrt und somit noch in den Köpfen der Menschen ist - folgte auf die frühe Neuzeit die Neuzeit...