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Wohl kaum. Nehmen wir die Lebensbedingungen der Bauern als Kriterium - immerhin gut 70 % der Bevölkerung - so lebten diese bis Mitte des 19. Jahrhunderts immer noch in Grundherrschaft und teilweise Leibeigenschaft. Auch die Macht des Adels, weiteres Charakteristikum des "Mittelalters" endete erst im 19. Jahrhundert
Viele Entwicklungen, die wir heute mit Moderne, Fortschritt und mit unserem heutigen Leben verbinden, nahmen im Mittelalter ihren Anfang. Es war eine Epoche des Übergangs wie auch der Vielfalt und des Pluralismus und hoher sozialer Mobilität, Zeit der großen Erfindungen und der Vorformen neuer Lebensweisen, die wir heute wie selbstverständlich praktizieren.
Die mittelalterliche Kultur brachte, entgegen langläufigen Vorstellungen, viel Neues hervor, war aber zugleich sehr bemüht, es unter den Überresten der Wiederholung zu verstecken; dies ist ein typisch mittelalterlicher Wesenszug, im Gegensatz zur heutigen Kultur, die auch dann vorgibt Neues zu produzieren, wenn nur Altes wiederholt wird!
Einigen Zeitgenossen waren die Veränderungen bewusst. Schon im 15. Jahrhundert kreierten Gelehrte den Begriff der "Moderne", der später als Periodisierungsbegriff für die "Neuzeit" allgemein üblich wurde.
Deshalb gibt es in der modernen Mittelalterforschung Vorschläge, als Enddatum des Mittelalters das 13. Jh. festzulegen, dem Ende der Städtegründungsphase in Europa.
Das Mittelalter darf aber auch nicht verklärt werden. Es ist eine zwar eine glanzvolle, aber zugleich auch düstere Epoche, so widersprüchlich wie das Denken und Handeln der mittelalterlichen Menschen, was für uns vermeintlich "aufgeklärte" Menschen des 21. Jh. oft nur sehr schwer nachvollziehbar ist. Die bisherige äußerst pessimistische und übertrieben negative Sichtweise des Mittelalters, die uns und unserem Bildungssystem seit dem 16. Jh. zu eigen ist, wird aber in den letzten drei Jahrzehnten von der Forschung zunehmend in Frage gestellt.
© Rainer Kasties M.A. |